Pflegegrad beantragen — Der vollständige Ratgeber für Angehörige

Einleitung: Warum der erste Antrag so entscheidend ist

Der ers­te Antrag auf einen Pfle­ge­grad legt den Grund­stein für alle zukünf­ti­gen Pfle­ge­leis­tun­gen. Eine rea­lis­ti­sche und voll­stän­di­ge Ein­stu­fung sorgt dafür, dass Betrof­fe­ne und Ange­hö­ri­ge die not­wen­di­ge finan­zi­el­le und orga­ni­sa­to­ri­sche Unter­stüt­zung bekom­men. Ein unvoll­stän­di­ger oder schlecht vor­be­rei­te­ter Antrag kann dage­gen Jah­re lang zu gerin­ge­ren Leis­tun­gen führen.

1. Wer hat Anspruch auf einen Pflegegrad?

Ein Pfle­ge­grad kann gewährt wer­den, wenn eine Per­son in ihrer Selbst­stän­dig­keit dau­er­haft beein­träch­tigt ist und regel­mä­ßi­ge Unter­stüt­zung benö­tigt. Dazu zählen:

  • Ein­schrän­kun­gen der Mobilität
  • Pro­ble­me bei der Selbst­ver­sor­gung (z. B. Kör­per­pfle­ge, Ernährung)
  • Ein­schrän­kun­gen im All­tag (z. B. bei der Haushaltsführung)
  • Psy­chi­sche oder kogni­ti­ve Beein­träch­ti­gun­gen wie Demenz

Wich­tig: Ent­schei­dend ist nicht die Dia­gno­se, son­dern der tat­säch­li­che Unter­stüt­zungs­be­darf im Alltag.

2. Wo und wie wird der Antrag gestellt?

Der Antrag wird bei der Pfle­ge­kas­se gestellt, die der Kran­ken­ver­si­che­rung der betrof­fe­nen Per­son ange­schlos­sen ist.

  • Tele­fo­nisch: Die Kas­se schickt die Antrags­un­ter­la­gen per Post zu
  • Schrift­lich: Antrag form­los per Brief einreichen
  • Online: Man­che Kas­sen bie­ten digi­ta­le For­mu­la­re an

💡 Tipp: Der Antrag gilt ab dem Monat der Antrag­stel­lung – nicht ab dem Datum der Begut­ach­tung. Des­halb soll­te man kei­ne Zeit verlieren.

3. Die Begutachtung durch den MDK oder Medicproof

Nach Antrag­stel­lung beauf­tragt die Pfle­ge­kas­se den Medi­zi­ni­schen Dienst (MDK) (bei gesetz­lich Ver­si­cher­ten) oder Medic­pro­of (bei pri­vat Versicherten).

  • Der Gut­ach­ter bewer­tet die Selbst­stän­dig­keit in 6 Modu­len (Mobi­li­tät, kogni­ti­ve Fähig­kei­ten, Selbst­ver­sor­gung, medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, All­tags­ge­stal­tung, beson­de­re Anforderungen).
  • Aus den ein­zel­nen Bewer­tun­gen wird eine Gesamt­punkt­zahl ermit­telt, die den Pfle­ge­grad bestimmt.

Pfle­ge­grad-Tabel­le (Kurz­über­blick):

Punk­te­be­reichPfle­ge­grad
12,5 – <271
27 – <47,52
47,5 – <703
70 – <904
90 – 1005

4. Vorbereitung auf den Begutachtungstermin

Die Vor­be­rei­tung ent­schei­det oft über die Höhe des Pfle­ge­grads.
Check­lis­te:

  • Pfle­ge­pro­to­koll der letz­ten 14 Tage
  • Ärzt­li­che Attes­te und Krankenhausberichte
  • Medi­ka­men­ten­plan
  • Hilfs­mit­tel­ver­ord­nun­gen (Rol­la­tor, Pfle­ge­bett, etc.)
  • Zeu­gen­aus­sa­gen von Pfle­ge­diens­ten oder Therapeuten

💡 Extra-Tipp: Beim Ter­min soll­te die pfle­ge­be­dürf­ti­ge Per­son den All­tag rea­lis­tisch zei­gen – nicht “bes­ser als sonst” auf­tre­ten, um kei­ne fal­sche Ein­schät­zung zu riskieren.

5. Nach dem Gutachten – so geht es weiter

  • Posi­ti­ver Bescheid: Leis­tun­gen begin­nen rück­wir­kend ab Antragstellung
  • Zu nied­ri­ger Pfle­ge­grad: Inner­halb von 1 Monat Wider­spruch einlegen
  • Ableh­nung: Eben­falls Wider­spruch mög­lich (sie­he Arti­kel 1)

6. Häufige Fehler vermeiden

  • Antrag zu spät stellen
  • Kei­ne Unter­la­gen vorbereiten
  • Ein­schrän­kun­gen verharmlosen
  • Ohne Beglei­tung zum MDK-Ter­min gehen

Fazit: Rechtzeitig handeln lohnt sich

Ein gut vor­be­rei­te­ter Antrag auf Pfle­ge­grad spart Zeit, Ner­ven und sorgt dafür, dass pfle­ge­be­dürf­ti­ge Men­schen die Unter­stüt­zung erhal­ten, die ihnen zusteht. Wer den Pro­zess struk­tu­riert angeht und alle Bele­ge griff­be­reit hat, erhöht sei­ne Chan­cen auf eine fai­re und ange­mes­se­ne Ein­stu­fung deutlich.

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