Buurtzorg: Das niederländische Pflegemodell und Unterschiede zum deutschen Pflegemarkt
Buurtzorg (niederländisch für „Nachbarschaftspflege“) ist ein innovatives ambulantes Pflegekonzept aus den Niederlanden, das international für Aufsehen sorgt. Gegründet 2007 vom Krankenpfleger Jos de Blok, setzt Buurtzorg auf Menschlichkeit statt Bürokratie und selbstorganisierte Pflegeteams. In diesem Blogartikel beleuchten wir, wie Buurtzorg organisiert ist und welche Unterschiede es im Vergleich zum deutschen Pflegesystem gibt. Fünf zentrale Aspekte – von Organisationsstruktur über Arbeitsbedingungen und Finanzierung bis zu Digitalisierung und rechtlichen Rahmen – werden dabei betrachtet.
Pflegeorganisation und ‑strukturen
Buurtzorgs Organisationsmodell unterscheidet sich grundlegend von dem klassischer deutscher Pflegedienste. Kern ist das Arbeiten in kleinen, autonomen Teams von etwa 4 bis 12 Pflegekräften. Diese Teams organisieren ihre Arbeit weitgehend selbstständig und auf Augenhöhe: Es gibt keine hierarchische Leitung innerhalb des Teams, alle Mitglieder sind gleichberechtigt und übernehmen gemeinsam Verantwortung. Ein Buurtzorg-Team versorgt 40 bis 50 Patienten in seinem Quartier und kümmert sich um alle anfallenden Aufgaben eigenverantwortlich – von Pflege und Betreuung über Dienstplanung und Tourenplanung bis hin zu Personalgewinnung, Weiterbildungen und sogar den Finanzen. Die flachen Strukturen und fehlenden Verwaltungsstäbe führen dazu, dass Buurtzorg-Teams sehr anpassungsfähig und patientennah agieren können. Ein kleines zentrales Backoffice in den Niederlanden unterstützt lediglich mit administrativen Diensten (z.B. Lohnabrechnung), was zu deutlich geringeren Gemeinkosten als bei traditionellen Anbietern führt.
Demgegenüber sind viele deutsche Pflegeeinrichtungen hierarchischer organisiert. Ein typischer ambulanter Pflegedienst in Deutschland verfügt über eine Pflegedienstleitung und weitere Managementebenen, die Tourenplanung, Qualitätssicherung und Verwaltung zentral steuern. Pflegekräfte führen vorgegebene Aufgaben aus, die Organisation und Entscheidungsbefugnisse liegen meist bei Vorgesetzten. Diese eher tayloristische bzw. funktional aufgeteilte Pflegeorganisation – mit streng getakteten Abläufen und Zuständigkeitsbereichen – prägt die deutsche Pflegebranche seit Jahren. Buurtzorg dagegen verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Jede Pflegekraft blickt auf die gesamte Situation des Pflegebedürftigen und plant individuell, anstatt nur einzelne verrichtungsbezogene Aufgaben abzuarbeiten. Damit einher geht bei Buurtzorg eine stärkere Einbindung des sozialen Umfelds: Familie, Nachbarn und Ehrenamtliche werden bewusst in die Versorgung integriert, um ein Unterstützungsnetzwerk um den Patienten zu knüpfen. Insgesamt sind Buurtzorg-Teams näher an den Patienten und ihrer Lebenswelt („Quartierspflege“), während deutsche Dienste oft größere Einzugsgebiete mit fragmentierterer Zuständigkeit abdecken.
Diese organisatorischen Unterschiede zeigen Wirkung: Buurtzorgs ganzheitliche Teamorganisation führt dazu, dass Pflegeprozesse weniger zerstückelt sind und Pflegebedürftige in der Regel eine feste Bezugsperson haben. In klassischen deutschen Strukturen sind Patienten hingegen nicht selten mit wechselnden Pflegekräften und einer Vielzahl an Akteuren konfrontiert. Buurtzorg demonstriert, dass flache Hierarchien und eigenverantwortliche Teams in der Pflege funktionieren können – ein Kontrast zur etablierten deutschen Praxis.
Arbeitsbedingungen und Rolle der Pflegekräfte
Für die Pflegekräfte selbst bringt das Buurtzorg-Modell deutlich andere Arbeitsbedingungen und Rollen mit sich. In Buurtzorg-Teams genießen Pflegefachpersonen hohe Autonomie und Verantwortung: Sie entscheiden im Team über Dienstpläne, Arbeitszeiten und die Aufteilung der Aufgaben. Da es keine Vorgesetzten in der Teamarbeit gibt, entwickeln alle Mitglieder unternehmerisches Denken im Kleinen – jeder ist für den Gesamterfolg mitverantwortlich. Diese Selbstorganisation erfordert zwar mehr Eigeninitiative, führt aber auch zu mehr Zufriedenheit und Motivation bei den Mitarbeiterinnen. Tatsächlich wurde Buurtzorg in den Niederlanden schon mehrfach zum besten Arbeitgeber gewählt. Studien zeigen auch handfeste Vorteile: Die Krankenstände sind um 60 % geringer und die Fluktuation um ein Drittel niedriger als bei herkömmlichen Pflegediensten. Ein Grund dafür mag sein, dass Buurtzorg-Pflegekräfte sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können und mehr Sinnhaftigkeit erleben – mindestens 60 % ihrer Arbeitszeit fließt direkt in die Patientenversorgung, während Bürokratie durch digitale Systeme minimiert wird. Zudem werden alle Beschäftigten einheitlich nach Tarif bezahlt, und dank der schlanken Verwaltung steht mehr Geld für das Pflegepersonal zur Verfügung. Insgesamt herrscht bei Buurtzorg ein Klima des Vertrauens und der Wertschätzung, was die Rolle der Pflegekräfte aufwertet.
In Deutschland hingegen klagen viele Pflegekräfte über Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und fehlende Mitsprache. Der Pflegealltag ist von Personalknappheit und Stress geprägt. Pflegerische Tätigkeiten werden hier oft im Minutentakt erbracht, strikt dokumentiert und nach Leistungskomplexen abgerechnet. Diese Taktung lässt kaum Raum für Zwischenmenschliches – für Gespräche oder spontanes Eingehen auf die Bedürfnisse bleibt wenig Zeit. Gleichzeitig erleben Pflegebeschäftigte häufig starre Hierarchien und haben wenig Einfluss auf Abläufe oder Entscheidungen. Die Folgen für die Arbeitsbedingungen sind gravierend: Viele Pflegekräfte fühlen sich überlastet und „brennen aus“. Wie Buurtzorg-Deutschland Gründer Gunnar Sander beschreibt, „opfern sich viele Pflegemitarbeiter:innen für eine gute Pflege auf“, können den Beruf oft nicht so lange ausüben wie gewünscht, und das Interesse am Pflegeberuf nimmt generell ab. Diese Unzufriedenheit führt zu hoher Fluktuation und einem Berufsausstieg vieler Fachkräfte – Probleme, mit denen das deutsche System seit längerem kämpft.
Auch die Rolle der Pflegefachpersonen unterscheidet sich: In Buurtzorg sind Pflegekräfte Generalistinnen, die von Grundpflege über Behandlungspflege bis zur Beratung alles abdecken, inklusive organisatorischer Aufgaben. Dieses breite Rollenbild wird durch Fortbildungen und den Austausch im Team unterstützt. In Deutschland sind Pflegekräfte oft stärker auf bestimmte Aufgabenbereiche begrenzt (z. B. Behandlungspflege nur durch examinierte Kräfte, Hauswirtschaft durch Helfer etc.), was ihren Handlungsspielraum einengt. Das Buurtzorg-Modell verlangt zudem ein hohes Maß an Eigenverantwortung, womit nicht jede Fachkraft vertraut ist – einige Mitarbeiterinnen in Deutschland waren von der völligen Selbstorganisation „schlicht überfordert“, wie Sander rückblickend berichtet. Hinzu kommt, dass in den Niederlanden der Professionalisierungsgrad höher ist (rund 40 % akademisch ausgebildete Pflegende), während Deutschland hier noch hinterherhinkt. Insgesamt bietet Buurtzorg den Pflegekräften attraktivere Bedingungen hinsichtlich Mitgestaltung und Arbeitszufriedenheit, während im deutschen Pflegesystem viele Verbesserungen nötig sind, um die Arbeitsbedingungen nachhaltiger zu gestalten.
Finanzierung und Vergütungssysteme
Ein zentraler Unterschied zwischen Buurtzorg und deutschen Pflegediensten liegt in der Finanzierung und Vergütung. Buurtzorg wird über das reguläre Kranken- und Pflegeversicherungssystem der Niederlande finanziert, jedoch mit einem innovativen Vergütungsmodell: Es gilt das Prinzip Zeitvergütung statt Leistungskomplexe. Konkret heißt das, die Pflegeleistungen werden nach tatsächlich aufgewendeter Zeit abgerechnet, unabhängig davon, welche konkreten Tätigkeiten in dieser Zeit erbracht wurden. Es gibt einen einheitlichen Stundensatz für alle Pflegeleistungen, egal ob Grundpflege, Behandlungspflege oder hauswirtschaftliche Hilfe – einzelne Leistungen oder Pflegestufen spielen bei der Abrechnung keine Rolle. Dieses Modell macht die Pflege flexibler und individueller, weil Pflegekräfte die zur Verfügung stehende Zeit frei entsprechend den Bedürfnissen des Patienten einsetzen können. So kann z.B. bei einem Besuch entschieden werden, ob heute mehr Zeit auf ein Gespräch oder auf eine medizinische Maßnahme verwendet wird, ohne dass dies abrechnungstechnisch kompliziert wäre. Transparenz ist ebenfalls Teil des Konzepts: In Buurtzorg-Teams kennen alle Mitglieder die Einnahmen und Ausgaben ihres Teams, was das Kostenbewusstsein fördert.
Obwohl eine Zeitvergütung auf den ersten Blick teurer erscheinen mag (mehr Freiheit könnte ja zu mehr Zeitverbrauch verleiten), hat sich gezeigt, dass das Buurtzorg-Modell insgesamt sogar kostengünstiger arbeitet. Durch den ganzheitlichen Ansatz benötigen Buurtzorg-Klienten im Schnitt weniger Pflegestunden pro Jahr als im traditionellen System. Beispielsweise lag der durchschnittliche Jahrespflegeaufwand je Klient in Buurtzorg-Teams bei 108 Stunden, verglichen mit 168 Stunden bei anderen Pflegediensten. Anders ausgedrückt: Buurtzorg erreichte in einer Untersuchung eine Reduktion der benötigten Betreuungsstunden um rund ein Drittel (einige Quellen sprechen sogar von 50 % weniger Stunden bei verbesserter Pflegequalität). Dadurch und durch den Fokus auf Prävention und schnelle Rehabilitation der Patienten liegen die Gesamtkosten pro Klient bei Buurtzorg unter denen anderer Anbieter – eine KPMG-Studie ermittelte einen jährlichen Kostenvorteil von etwa 500 € pro Patient zugunsten Buurtzorg. Hochgerechnet auf das gesamte System konnten so etwa 30 % Kosteneinsparung erzielt werden, bei gleichzeitig hoher Zufriedenheit von Pflegebedürftigen und Personal. Buurtzorg zeigt also, dass wirtschaftliche und menschliche Pflege kein Widerspruch sein müssen, wenn der Vergütungsrahmen entsprechend gestaltet ist.
Im deutschen Pflegemarkt dominiert hingegen nach wie vor die Vergütung nach Leistungskomplexen. Ambulanter Pflege wird über die Pflegeversicherung (SGB XI) in Form fest definierter Leistungspakete bezahlt – beispielsweise ein Pauschalbetrag für „große Morgenwäsche“ oder für „Hauswirtschaft 30 Minuten“. Pflegekräfte arbeiten hier quasi nach Stoppuhr: Jede einzelne Tätigkeit muss genau dokumentiert und abgerechnet werden. Dieses System schafft einen hohen Verwaltungsaufwand und engt die Flexibilität ein, da die vorgegebenen Leistungen oft schematisch sind. Zusätzlich finanziert die Krankenkasse (SGB V) separat die medizinische Behandlungspflege, was die Finanzierung in zwei Töpfe splittet. Koordinationsaufwand oder Präventionsarbeit werden kaum vergütet, was Anreize setzt, vor allem direkte abrechenbare Leistungen zu erbringen. Insgesamt führt das deutsche Vergütungssystem zu einer kleinteiligen, bürokratischen Pflege, in der ökonomisch jede Minute zählt.
Die Einführung des Buurtzorg-Modells in Deutschland stand daher vor großen Finanzierungs-Fragen. 2018 startete in Nordrhein-Westfalen ein Modellprojekt, bei dem Buurtzorg-Teams versuchsweise nach Zeit vergütet wurden. Grundlage war eine Vereinbarung gemäß § 89 SGB XI, die einen einheitlichen Minutenpreis für alle Pflegeleistungen festlegte. Dieser Minutenpreis (anfangs rund 0,64 € pro Minute, also ca. 38,40 € pro Stunde) erwies sich jedoch als zu niedrig kalkuliert. Tatsächlich konnten die Einnahmen die Kosten zunächst nicht decken – ein Grund, warum Buurtzorg Deutschland 2021 in finanzielle Schieflage geriet. Zudem zeigte sich, dass die Abrechnungsbürokratie und föderale Vielfalt in Deutschland problematisch sind: Anders als in den Niederlanden gelten je nach Bundesland unterschiedliche Vorgaben und Vergütungssätze, was die Abrechnung unnötig kompliziert machte. Trotz dieser Hindernisse wurde wertvolle Erfahrung gesammelt. Es wird diskutiert, ob ein Umdenken in der Vergütung – weg von minutengenauen Leistungskomplexen, hin zu pauschalierter Zeitvergütung oder sogar ergebnisorientierter Bezahlung – nötig ist, um eine menschlichere und effektivere Pflege zu ermöglichen. Buurtzorg liefert hierfür ein reales Erfolgsbeispiel, auch wenn die Übertragung in das deutsche Finanzierungssystem nicht trivial ist.
Digitalisierung und Technik
Digitale Lösungen spielen bei Buurtzorg eine entscheidende Rolle, um die schlanke Organisation und effiziente Pflege zu ermöglichen. Buurtzorg hat von Anfang an in eigene IT-Systeme investiert – etwa die Plattform BuurtzorgWeb, eine Art unternehmensweites Intranet für die Teams. Pflegekräfte dokumentieren ihre Einsätze mobil per Tablet direkt beim Patienten und die Daten stehen in Echtzeit allen Teammitgliedern zur Verfügung. Die Dokumentationssoftware basiert auf dem anerkannten Omaha-Klassifizierungssystem, was eine einheitliche Pflegeplanung und Ergebnisverfolgung ermöglicht. Besonders bemerkenswert ist, dass BuurtzorgWeb nicht nur der internen Dokumentation dient, sondern als kommunikationsplattform fungiert: Pflegende können z.B. aktuelle Gesundheitswerte oder Symptome des Patienten im System vermerken, welche automatisch an die behandelnde Hausärztin übermittelt werden – diese kann umgehend reagieren, etwa ein Medikament verordnen, und die Information wird wiederum digital an die Apotheke gesendet. Solche digitalen Workflows vernetzen alle Beteiligten (Pflege, Ärzte, Apotheke) nahtlos und beschleunigen die Versorgung. Darüber hinaus nutzt Buurtzorg virtuelle Plattformen für Dienstplanung, Wissenstransfer und E‑Learning, damit die dezentralen Teams sich austauschen und kontinuierlich fortbilden können. Insgesamt führt die Digitalisierung bei Buurtzorg zu deutlich weniger Verwaltungsaufwand – viele Prozesse laufen automatisiert oder elektronisch, was Papierkram einspart. In einer Evaluation wurden als Vorteile einer digitalen Pflegeprozess-Erfassung genannt: kürzere Bearbeitungszeiten, weniger Bürokratie, höhere Qualität und Transparenz für alle Mitarbeitenden. So bleibt dem Pflegepersonal mehr Zeit für die direkte Arbeit am Menschen.
In Deutschland steht die Pflegedigitalisierung vergleichsweise noch am Anfang. Zwar gibt es Pflegedienste, die mit digitaler Tourenplanung und elektronischer Pflegedokumentation arbeiten, doch ein großer Teil der Branche ist immer noch durch Insellösungen oder sogar Papierdokumentation geprägt. Die Systeme der Leistungsträger (Pflegekassen) sind oft nicht kompatibel mit denen der Pflegedienste, sodass doppelte Dokumentation erfolgt. Die Folge ist ein „Wust an Bürokratie bei vergleichsweise geringer Digitalisierung“, wie es im Kontext der deutschen Pflege heißt. Viele Pflegekräfte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Formularen und Nachweisen, was zusätzlich belastet. Immerhin sind in jüngster Zeit Initiativen gestartet, um die digitale Infrastruktur zu verbessern: So sollen Pflegeeinrichtungen an die Telematikinfrastruktur (TI) des Gesundheitswesens angeschlossen werden, um sicheren Datenaustausch zu ermöglichen. Auch entstehen mehr Softwarelösungen speziell für die Pflege (von Pflegedokumentation bis Dienstplan-Apps). Doch der Weg zu einem so durchgängig digitalisierten Modell wie Buurtzorg ist noch weit. Insbesondere fehlt es oft an einer einheitlichen Plattform und am kulturellen Wandel in den Einrichtungen. Buurtzorg zeigt hier, wie Technik als Enabler dienen kann: Durch IT-gestützte Planung und Kommunikation können mindestens 60 % der Arbeitszeit in die direkte Pflege fließen (statt in Administration). Das deutsche Pflegesystem kann von diesen Erfahrungen profitieren, indem es Bürokratie abbaut und digitale Vernetzung fördert.
Gesetzliche Rahmenbedingungen
Schließlich spielen die gesetzlichen Rahmenbedingungen eine große Rolle dabei, ob ein Modell wie Buurtzorg gedeihen kann. In den Niederlanden fand Buurtzorg einen reformbereiten Kontext vor: Die ambulante Pflege dort war Teil des staatlichen Versicherungssystems (zunächst AWBZ, später in der Krankenversicherung verankert) und litt unter Ineffizienz, was den Ruf nach neuen Konzepten laut werden ließ. Buurtzorg konnte als zugelassener Pflegedienst auftreten und dank Möglichkeiten im niederländischen Recht Pflegesachleistungen flexibel gestalten. So wurde beispielsweise zugelassen, dass Pflegeleistungen gebündelt zum Zeittarif erbracht werden dürfen, anstatt strikt nach Tätigkeit zu unterscheiden. Außerdem ist Buurtzorg in den Niederlanden als Stiftung organisiert und nicht gewinnorientiert, was politisch und gesellschaftlich auf Wohlwollen stieß. Die gesetzlichen Vorgaben erlauben dort also, dass Fachpflegekräfte weitreichende Aufgaben übernehmen und selbstgesteuert arbeiten – es gibt keine Vorschrift, dass jedes Team eine bestimmte Leitungskraft haben muss, solange die Qualität stimmt. Auch der Umfang der Pflegeleistungen ist breiter definierbar: Buurtzorg integriert Betreuung und hauswirtschaftliche Hilfen gleichberechtigt neben der Grund- und Behandlungspflege, während deutsches Recht diese Bereiche stärker trennt. Die Integration informeller Helfer (Angehörige, Nachbarn) wird im Buurtzorg-Modell ausdrücklich unterstützt, während in Deutschland Haftungs- und Abrechnungsfragen die Einbindung von Laienhelfern erschweren können. Kurz gesagt: Die niederländische Gesetzeslage – orientiert an Outcomes und Patientenbedarf – bietet Freiräume, in denen ein innovatives Modell wie Buurtzorg wachsen konnte.
Im deutschen Pflegesystem hingegen gibt es einige regulatorische Hürden für Buurtzorg. Ein zentrales Problem ist das starre Korsett des SGB XI und der Rahmenverträge: Ambulante Pflegedienste müssen hierzulande eine verantwortliche Pflegedienstleitung vorhalten, die für die Pflegequalität und Organisation zuständig ist. Ein Buurtzorg-Team ohne klassische Chefposition steht damit zunächst im Widerspruch zu diesen Vorgaben. Zwar könnte man formal eine PDL benennen, die im Hintergrund bleibt, doch es zeigt die Herausforderung, ein selbstorganisiertes Team in die bestehenden Strukturen einzupassen. Des Weiteren sind die Leistungskomplexe gesetzlich festgeschrieben, was es schwierig macht, neue ganzheitliche Leistungsdefinitionen zu finden. Buurtzorg musste in NRW über eine Sondervereinbarung gem. § 8 Abs.3 SGB XI (Modellvorhaben) laufen, um vom üblichen Schema abweichen zu dürfen. Auch das Getrenntsein von Pflege- und Krankenversicherung (SGB XI vs. SGB V) führt zu rechtlichen Grenzen: So durfte Buurtzorg Deutschland im Modell etwa die häusliche Behandlungspflege nur pauschal und separat abrechnen, weil hier die Krankenkassen-Zuständigkeit greift. Ein weiterer Stolperstein ist der föderale Flickenteppich: Pflege wird in Deutschland von Bundesland zu Bundesland durch Ausführungsgesetze und Vereinbarungen der Kassen unterschiedlich gehandhabt. Einheitliche Modellprojekte stoßen daher auf administrativen Mehraufwand, da für jedes Land eigene Verträge und Anerkennungen nötig wären. Schließlich betrifft eine Hürde auch das Arbeitsrecht und die Personalgewinnung: Buurtzorg setzt auf viele Teilzeitkräfte für flexible Dienstpläne, während in Deutschland (auch aus Personalmangel) eher Vollzeitstellen angestrebt werden. Außerdem war zu beobachten, dass nicht alle Pflegekräfte mit dem hohen Maß an Eigenverantwortung zurechtkamen, insbesondere wenn sie aus hierarchisch geprägten Arbeitsumfeldern kamen. Dies ist weniger eine Gesetzes‑, aber eine Kulturfrage, die jedoch Zeit und Schulung erfordert.
Positiv ist, dass der Gesetzgeber in Deutschland einige Änderungen plant, die Buurtzorg-ähnliche Ansätze begünstigen könnten. So wurde Ende 2023 ein Pflegekompetenzgesetz auf den Weg gebracht, das Pflegefachpersonen mehr eigenständige Entscheidungsbefugnisse in der Versorgung einräumen soll (z.B. in Wundversorgung oder Medikamentengabe). Wenn Pflegekräfte hierdurch wirklich mehr Handlungsspielraum erhalten, würde dies gut zu Buurtzorgs Prinzip passen, dass Fachkräfte autonomer agieren. Auch die digitale Vernetzung (Stichwort Telematik) wird ausgebaut, was die Bürokratie reduzieren und die Kooperation mit Ärzten erleichtern kann – Entwicklungen, von denen Buurtzorg profitieren würde. Nicht zuletzt wächst das Interesse an Community Health Nursing und Quartiersprojekten in Deutschland, was in eine ähnliche Richtung weist. Dennoch gilt: Damit ein Modell wie Buurtzorg im deutschen Pflegemarkt Fuß fassen kann, sind weitergehende Anpassungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen nötig – sei es bei den Finanzierungsregelungen, den Qualitätsprüfungsrichtlinien oder den Vorgaben zur Personalstruktur. Der erfolgreiche Pilotcharakter von Buurtzorg liefert hier wertvolle Anhaltspunkte für Reformen.
Fazit
Buurtzorg zeigt eindrucksvoll, wie eine alternative Organisation der Pflege positive Effekte für alle Beteiligten haben kann: Pflegebedürftige werden ganzheitlich versorgt und zur Selbstständigkeit befähigt, Pflegekräfte arbeiten zufriedener in selbstbestimmten Teams, und das Gesamtsystem kann sogar wirtschaftlicher werden. Die Unterschiede zum deutschen Pflegemarkt sind jedoch erheblich – von der Teamstruktur über die Vergütung bis zur Regulierung. Diese Unterschiede erklären, warum eine direkte Übertragung nicht einfach ist und warum Buurtzorg Deutschland zunächst auf Hindernisse stieß. Dennoch dienen die Erfahrungen aus den Niederlanden als Inspiration: Sie treiben auch hierzulande die Diskussion über neue Pflegekonzepte voran. Mit aktuellen Entwicklungen – etwa digitaler Aufrüstung und angedachten Gesetzesänderungen – könnten einige Barrieren fallen. Ein interessiertes Fachpublikum tut gut daran, Buurtzorg genau zu beobachten: Es ist ein lebendes Labor für zukunftsfähige Pflege, das wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des deutschen Pflegesystems gibt.
Buurtzorg Niederlande und Modellbeschreibung
- Buurtzorg Nederland (offizielle Website):
https://www.buurtzorg.com - KPMG-Studie (2012): “Evaluation of Buurtzorg Nederland”
https://www.buurtzorg.com/media/publications/KPMG-Buurtzorg-2012-English.pdf
Buurtzorg in Deutschland / Modellprojekt NRW
- Projektstart Buurtzorg Deutschland (Caritas Köln, 2018)
https://www.caritas-koeln.de/presse/pressemeldungen/buurtzorg-projekt-in-koeln-gestartet - Buurtzorg Deutschland GmbH – Hintergrundinfos (Archivseite)
https://buurtzorg-deutschland.de (Website 2021 eingestellt, Archiv über Wayback Machine möglich) - Studie: Pflege neu denken – Evaluation des Modellprojekts (PDF, Diakonie)
https://www.diakonie.de/fileadmin/user_upload/Diakonie/Medien/Buurtzorg-Modellstudie.pdf
Vergleich zum deutschen Pflegemarkt
- Pflege-Report der Bertelsmann Stiftung (jährlich)
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/pflegebericht/ - Sachverständigenrat Gesundheit (Gutachten 2021): Digitalisierung & Pflege
https://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=95 - Deutsches Ärzteblatt: “Pflege neu denken mit Buurtzorg?” (2021)
https://www.aerzteblatt.de/archiv/219346
Rahmenbedingungen & Vergütungssysteme
- Sozialgesetzbuch SGB XI (Pflegeversicherung):
https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_11/ - Sozialgesetzbuch SGB V (Krankenversicherung):
https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/ - Pflegekompetenzgesetz 2023 (Bundesgesundheitsministerium)
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/pflegekompetenzgesetz
Digitalisierung in der Pflege
- Projekt “Pflege Digital” (BMG, 2022–2025):
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/digitalisierung-in-der-pflege - Bericht zur Telematikinfrastruktur & Pflege
https://www.gematik.de/anwendungen/telematikinfrastruktur/pflege