Buurtzorg: Das niederländische Pflegemodell und Unterschiede zum deutschen Pflegemarkt

Buurtz­org (nie­der­län­disch für „Nach­bar­schafts­pfle­ge“) ist ein inno­va­ti­ves ambu­lan­tes Pfle­ge­kon­zept aus den Nie­der­lan­den, das inter­na­tio­nal für Auf­se­hen sorgt. Gegrün­det 2007 vom Kran­ken­pfle­ger Jos de Blok, setzt Buurtz­org auf Mensch­lich­keit statt Büro­kra­tie und selbst­or­ga­ni­sier­te Pfle­ge­teams. In die­sem Blog­ar­ti­kel beleuch­ten wir, wie Buurtz­org orga­ni­siert ist und wel­che Unter­schie­de es im Ver­gleich zum deut­schen Pfle­ge­sys­tem gibt. Fünf zen­tra­le Aspek­te – von Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur über Arbeits­be­din­gun­gen und Finan­zie­rung bis zu Digi­ta­li­sie­rung und recht­li­chen Rah­men – wer­den dabei betrachtet.

Pflegeorganisation und ‑strukturen

Buurtz­orgs Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dell unter­schei­det sich grund­le­gend von dem klas­si­scher deut­scher Pfle­ge­diens­te. Kern ist das Arbei­ten in klei­nen, auto­no­men Teams von etwa 4 bis 12 Pfle­ge­kräf­ten. Die­se Teams orga­ni­sie­ren ihre Arbeit weit­ge­hend selbst­stän­dig und auf Augen­hö­he: Es gibt kei­ne hier­ar­chi­sche Lei­tung inner­halb des Teams, alle Mit­glie­der sind gleich­be­rech­tigt und über­neh­men gemein­sam Ver­ant­wor­tung. Ein Buurtz­org-Team ver­sorgt 40 bis 50 Pati­en­ten in sei­nem Quar­tier und küm­mert sich um alle anfal­len­den Auf­ga­ben eigen­ver­ant­wort­lich – von Pfle­ge und Betreu­ung über Dienst­pla­nung und Tou­ren­pla­nung bis hin zu Per­so­nal­ge­win­nung, Wei­ter­bil­dun­gen und sogar den Finan­zen. Die fla­chen Struk­tu­ren und feh­len­den Ver­wal­tungs­stä­be füh­ren dazu, dass Buurtz­org-Teams sehr anpas­sungs­fä­hig und pati­en­ten­nah agie­ren kön­nen. Ein klei­nes zen­tra­les Back­of­fice in den Nie­der­lan­den unter­stützt ledig­lich mit admi­nis­tra­ti­ven Diens­ten (z.B. Lohn­ab­rech­nung), was zu deut­lich gerin­ge­ren Gemein­kos­ten als bei tra­di­tio­nel­len Anbie­tern führt.

Dem­ge­gen­über sind vie­le deut­sche Pfle­ge­ein­rich­tun­gen hier­ar­chi­scher orga­ni­siert. Ein typi­scher ambu­lan­ter Pfle­ge­dienst in Deutsch­land ver­fügt über eine Pfle­ge­dienst­lei­tung und wei­te­re Manage­ment­ebe­nen, die Tou­ren­pla­nung, Qua­li­täts­si­che­rung und Ver­wal­tung zen­tral steu­ern. Pfle­ge­kräf­te füh­ren vor­ge­ge­be­ne Auf­ga­ben aus, die Orga­ni­sa­ti­on und Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se lie­gen meist bei Vor­ge­setz­ten. Die­se eher tay­lo­ris­ti­sche bzw. funk­tio­nal auf­ge­teil­te Pfle­ge­or­ga­ni­sa­ti­on – mit streng getak­te­ten Abläu­fen und Zustän­dig­keits­be­rei­chen – prägt die deut­sche Pfle­ge­bran­che seit Jah­ren. Buurtz­org dage­gen ver­folgt einen ganz­heit­li­chen Ansatz: Jede Pfle­ge­kraft blickt auf die gesam­te Situa­ti­on des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und plant indi­vi­du­ell, anstatt nur ein­zel­ne ver­rich­tungs­be­zo­ge­ne Auf­ga­ben abzu­ar­bei­ten. Damit ein­her geht bei Buurtz­org eine stär­ke­re Ein­bin­dung des sozia­len Umfelds: Fami­lie, Nach­barn und Ehren­amt­li­che wer­den bewusst in die Ver­sor­gung inte­griert, um ein Unter­stüt­zungs­netz­werk um den Pati­en­ten zu knüp­fen. Ins­ge­samt sind Buurtz­org-Teams näher an den Pati­en­ten und ihrer Lebens­welt („Quar­tiers­pfle­ge“), wäh­rend deut­sche Diens­te oft grö­ße­re Ein­zugs­ge­bie­te mit frag­men­tier­te­rer Zustän­dig­keit abdecken.

Die­se orga­ni­sa­to­ri­schen Unter­schie­de zei­gen Wir­kung: Buurtz­orgs ganz­heit­li­che Team­or­ga­ni­sa­ti­on führt dazu, dass Pfle­ge­pro­zes­se weni­ger zer­stü­ckelt sind und Pfle­ge­be­dürf­ti­ge in der Regel eine fes­te Bezugs­per­son haben. In klas­si­schen deut­schen Struk­tu­ren sind Pati­en­ten hin­ge­gen nicht sel­ten mit wech­seln­den Pfle­ge­kräf­ten und einer Viel­zahl an Akteu­ren kon­fron­tiert. Buurtz­org demons­triert, dass fla­che Hier­ar­chien und eigen­ver­ant­wort­li­che Teams in der Pfle­ge funk­tio­nie­ren kön­nen – ein Kon­trast zur eta­blier­ten deut­schen Praxis.

Arbeitsbedingungen und Rolle der Pflegekräfte

Für die Pfle­ge­kräf­te selbst bringt das Buurtz­org-Modell deut­lich ande­re Arbeits­be­din­gun­gen und Rol­len mit sich. In Buurtz­org-Teams genie­ßen Pfle­ge­fach­per­so­nen hohe Auto­no­mie und Ver­ant­wor­tung: Sie ent­schei­den im Team über Dienst­plä­ne, Arbeits­zei­ten und die Auf­tei­lung der Auf­ga­ben. Da es kei­ne Vor­ge­setz­ten in der Team­ar­beit gibt, ent­wi­ckeln alle Mit­glie­der unter­neh­me­ri­sches Den­ken im Klei­nen – jeder ist für den Gesamt­erfolg mit­ver­ant­wort­lich. Die­se Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on erfor­dert zwar mehr Eigen­in­itia­ti­ve, führt aber auch zu mehr Zufrie­den­heit und Moti­va­ti­on bei den Mit­ar­bei­terinnen. Tat­säch­lich wur­de Buurtz­org in den Nie­der­lan­den schon mehr­fach zum bes­ten Arbeit­ge­ber gewählt. Stu­di­en zei­gen auch hand­fes­te Vor­tei­le: Die Kran­ken­stän­de sind um 60 % gerin­ger und die Fluk­tua­ti­on um ein Drit­tel nied­ri­ger als bei her­kömm­li­chen Pfle­ge­diens­ten. Ein Grund dafür mag sein, dass Buurtz­org-Pfle­ge­kräf­te sich auf ihre eigent­li­che Arbeit kon­zen­trie­ren kön­nen und mehr Sinn­haf­tig­keit erle­ben – min­des­tens 60 % ihrer Arbeits­zeit fließt direkt in die Pati­en­ten­ver­sor­gung, wäh­rend Büro­kra­tie durch digi­ta­le Sys­te­me mini­miert wird. Zudem wer­den alle Beschäf­tig­ten ein­heit­lich nach Tarif bezahlt, und dank der schlan­ken Ver­wal­tung steht mehr Geld für das Pfle­ge­per­so­nal zur Ver­fü­gung. Ins­ge­samt herrscht bei Buurtz­org ein Kli­ma des Ver­trau­ens und der Wert­schät­zung, was die Rol­le der Pfle­ge­kräf­te aufwertet.

In Deutsch­land hin­ge­gen kla­gen vie­le Pfle­ge­kräf­te über Arbeits­ver­dich­tung, Zeit­druck und feh­len­de Mit­spra­che. Der Pfle­ge­all­tag ist von Per­so­nal­knapp­heit und Stress geprägt. Pfle­ge­ri­sche Tätig­kei­ten wer­den hier oft im Minu­ten­takt erbracht, strikt doku­men­tiert und nach Leis­tungs­kom­ple­xen abge­rech­net. Die­se Tak­tung lässt kaum Raum für Zwi­schen­mensch­li­ches – für Gesprä­che oder spon­ta­nes Ein­ge­hen auf die Bedürf­nis­se bleibt wenig Zeit. Gleich­zei­tig erle­ben Pfle­ge­be­schäf­tig­te häu­fig star­re Hier­ar­chien und haben wenig Ein­fluss auf Abläu­fe oder Ent­schei­dun­gen. Die Fol­gen für die Arbeits­be­din­gun­gen sind gra­vie­rend: Vie­le Pfle­ge­kräf­te füh­len sich über­las­tet und „bren­nen aus“. Wie Buurtz­org-Deutsch­land Grün­der Gun­nar San­der beschreibt, „opfern sich vie­le Pflegemitarbeiter:innen für eine gute Pfle­ge auf“, kön­nen den Beruf oft nicht so lan­ge aus­üben wie gewünscht, und das Inter­es­se am Pfle­ge­be­ruf nimmt gene­rell ab. Die­se Unzu­frie­den­heit führt zu hoher Fluk­tua­ti­on und einem Berufs­aus­stieg vie­ler Fach­kräf­te – Pro­ble­me, mit denen das deut­sche Sys­tem seit län­ge­rem kämpft.

Auch die Rol­le der Pfle­ge­fach­per­so­nen unter­schei­det sich: In Buurtz­org sind Pfle­ge­kräf­te Gene­ra­listinnen, die von Grund­pfle­ge über Behand­lungs­pfle­ge bis zur Bera­tung alles abde­cken, inklu­si­ve orga­ni­sa­to­ri­scher Auf­ga­ben. Die­ses brei­te Rol­len­bild wird durch Fort­bil­dun­gen und den Aus­tausch im Team unter­stützt. In Deutsch­land sind Pfle­ge­kräf­te oft stär­ker auf bestimm­te Auf­ga­ben­be­rei­che begrenzt (z. B. Behand­lungs­pfle­ge nur durch exami­nier­te Kräf­te, Haus­wirt­schaft durch Hel­fer etc.), was ihren Hand­lungs­spiel­raum ein­engt. Das Buurtz­org-Modell ver­langt zudem ein hohes Maß an Eigen­ver­ant­wor­tung, womit nicht jede Fach­kraft ver­traut ist – eini­ge Mit­ar­bei­terinnen in Deutsch­land waren von der völ­li­gen Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on „schlicht über­for­dert“, wie San­der rück­bli­ckend berich­tet. Hin­zu kommt, dass in den Nie­der­lan­den der Pro­fes­sio­na­li­sie­rungs­grad höher ist (rund 40 % aka­de­misch aus­ge­bil­de­te Pfle­gen­de), wäh­rend Deutsch­land hier noch hin­ter­her­hinkt. Ins­ge­samt bie­tet Buurtz­org den Pfle­ge­kräf­ten attrak­ti­ve­re Bedin­gun­gen hin­sicht­lich Mit­ge­stal­tung und Arbeits­zu­frie­den­heit, wäh­rend im deut­schen Pfle­ge­sys­tem vie­le Ver­bes­se­run­gen nötig sind, um die Arbeits­be­din­gun­gen nach­hal­ti­ger zu gestalten.

Finanzierung und Vergütungssysteme

Ein zen­tra­ler Unter­schied zwi­schen Buurtz­org und deut­schen Pfle­ge­diens­ten liegt in der Finan­zie­rung und Ver­gü­tung. Buurtz­org wird über das regu­lä­re Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­sys­tem der Nie­der­lan­de finan­ziert, jedoch mit einem inno­va­ti­ven Ver­gü­tungs­mo­dell: Es gilt das Prin­zip Zeit­ver­gü­tung statt Leis­tungs­kom­ple­xe. Kon­kret heißt das, die Pfle­ge­leis­tun­gen wer­den nach tat­säch­lich auf­ge­wen­de­ter Zeit abge­rech­net, unab­hän­gig davon, wel­che kon­kre­ten Tätig­kei­ten in die­ser Zeit erbracht wur­den. Es gibt einen ein­heit­li­chen Stun­den­satz für alle Pfle­ge­leis­tun­gen, egal ob Grund­pfle­ge, Behand­lungs­pfle­ge oder haus­wirt­schaft­li­che Hil­fe – ein­zel­ne Leis­tun­gen oder Pfle­ge­stu­fen spie­len bei der Abrech­nung kei­ne Rol­le. Die­ses Modell macht die Pfle­ge fle­xi­bler und indi­vi­du­el­ler, weil Pfle­ge­kräf­te die zur Ver­fü­gung ste­hen­de Zeit frei ent­spre­chend den Bedürf­nis­sen des Pati­en­ten ein­set­zen kön­nen. So kann z.B. bei einem Besuch ent­schie­den wer­den, ob heu­te mehr Zeit auf ein Gespräch oder auf eine medi­zi­ni­sche Maß­nah­me ver­wen­det wird, ohne dass dies abrech­nungs­tech­nisch kom­pli­ziert wäre. Trans­pa­renz ist eben­falls Teil des Kon­zepts: In Buurtz­org-Teams ken­nen alle Mit­glie­der die Ein­nah­men und Aus­ga­ben ihres Teams, was das Kos­ten­be­wusst­sein fördert.

Obwohl eine Zeit­ver­gü­tung auf den ers­ten Blick teu­rer erschei­nen mag (mehr Frei­heit könn­te ja zu mehr Zeit­ver­brauch ver­lei­ten), hat sich gezeigt, dass das Buurtz­org-Modell ins­ge­samt sogar kos­ten­güns­ti­ger arbei­tet. Durch den ganz­heit­li­chen Ansatz benö­ti­gen Buurtz­org-Kli­en­ten im Schnitt weni­ger Pfle­ge­stun­den pro Jahr als im tra­di­tio­nel­len Sys­tem. Bei­spiels­wei­se lag der durch­schnitt­li­che Jah­res­pfle­ge­auf­wand je Kli­ent in Buurtz­org-Teams bei 108 Stun­den, ver­gli­chen mit 168 Stun­den bei ande­ren Pfle­ge­diens­ten. Anders aus­ge­drückt: Buurtz­org erreich­te in einer Unter­su­chung eine Reduk­ti­on der benö­tig­ten Betreu­ungs­stun­den um rund ein Drit­tel (eini­ge Quel­len spre­chen sogar von 50 % weni­ger Stun­den bei ver­bes­ser­ter Pfle­ge­qua­li­tät). Dadurch und durch den Fokus auf Prä­ven­ti­on und schnel­le Reha­bi­li­ta­ti­on der Pati­en­ten lie­gen die Gesamt­kos­ten pro Kli­ent bei Buurtz­org unter denen ande­rer Anbie­ter – eine KPMG-Stu­die ermit­tel­te einen jähr­li­chen Kos­ten­vor­teil von etwa 500 € pro Pati­ent zuguns­ten Buurtz­org. Hoch­ge­rech­net auf das gesam­te Sys­tem konn­ten so etwa 30 % Kos­ten­ein­spa­rung erzielt wer­den, bei gleich­zei­tig hoher Zufrie­den­heit von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und Per­so­nal. Buurtz­org zeigt also, dass wirt­schaft­li­che und mensch­li­che Pfle­ge kein Wider­spruch sein müs­sen, wenn der Ver­gü­tungs­rah­men ent­spre­chend gestal­tet ist.

Im deut­schen Pfle­ge­markt domi­niert hin­ge­gen nach wie vor die Ver­gü­tung nach Leis­tungs­kom­ple­xen. Ambu­lan­ter Pfle­ge wird über die Pfle­ge­ver­si­che­rung (SGB XI) in Form fest defi­nier­ter Leis­tungs­pa­ke­te bezahlt – bei­spiels­wei­se ein Pau­schal­be­trag für „gro­ße Mor­gen­wä­sche“ oder für „Haus­wirt­schaft 30 Minu­ten“. Pfle­ge­kräf­te arbei­ten hier qua­si nach Stopp­uhr: Jede ein­zel­ne Tätig­keit muss genau doku­men­tiert und abge­rech­net wer­den. Die­ses Sys­tem schafft einen hohen Ver­wal­tungs­auf­wand und engt die Fle­xi­bi­li­tät ein, da die vor­ge­ge­be­nen Leis­tun­gen oft sche­ma­tisch sind. Zusätz­lich finan­ziert die Kran­ken­kas­se (SGB V) sepa­rat die medi­zi­ni­sche Behand­lungs­pfle­ge, was die Finan­zie­rung in zwei Töp­fe split­tet. Koor­di­na­ti­ons­auf­wand oder Prä­ven­ti­ons­ar­beit wer­den kaum ver­gü­tet, was Anrei­ze setzt, vor allem direk­te abre­chen­ba­re Leis­tun­gen zu erbrin­gen. Ins­ge­samt führt das deut­sche Ver­gü­tungs­sys­tem zu einer klein­tei­li­gen, büro­kra­ti­schen Pfle­ge, in der öko­no­misch jede Minu­te zählt.

Die Ein­füh­rung des Buurtz­org-Modells in Deutsch­land stand daher vor gro­ßen Finan­zie­rungs-Fra­gen. 2018 star­te­te in Nord­rhein-West­fa­len ein Modell­pro­jekt, bei dem Buurtz­org-Teams ver­suchs­wei­se nach Zeit ver­gü­tet wur­den. Grund­la­ge war eine Ver­ein­ba­rung gemäß § 89 SGB XI, die einen ein­heit­li­chen Minu­ten­preis für alle Pfle­ge­leis­tun­gen fest­leg­te. Die­ser Minu­ten­preis (anfangs rund 0,64 € pro Minu­te, also ca. 38,40 € pro Stun­de) erwies sich jedoch als zu nied­rig kal­ku­liert. Tat­säch­lich konn­ten die Ein­nah­men die Kos­ten zunächst nicht decken – ein Grund, war­um Buurtz­org Deutsch­land 2021 in finan­zi­el­le Schief­la­ge geriet. Zudem zeig­te sich, dass die Abrech­nungs­bü­ro­kra­tie und föde­ra­le Viel­falt in Deutsch­land pro­ble­ma­tisch sind: Anders als in den Nie­der­lan­den gel­ten je nach Bun­des­land unter­schied­li­che Vor­ga­ben und Ver­gü­tungs­sät­ze, was die Abrech­nung unnö­tig kom­pli­ziert mach­te. Trotz die­ser Hin­der­nis­se wur­de wert­vol­le Erfah­rung gesam­melt. Es wird dis­ku­tiert, ob ein Umden­ken in der Ver­gü­tung – weg von minu­ten­ge­nau­en Leis­tungs­kom­ple­xen, hin zu pau­scha­lier­ter Zeit­ver­gü­tung oder sogar ergeb­nis­ori­en­tier­ter Bezah­lung – nötig ist, um eine mensch­li­che­re und effek­ti­ve­re Pfle­ge zu ermög­li­chen. Buurtz­org lie­fert hier­für ein rea­les Erfolgs­bei­spiel, auch wenn die Über­tra­gung in das deut­sche Finan­zie­rungs­sys­tem nicht tri­vi­al ist.

Digitalisierung und Technik

Digi­ta­le Lösun­gen spie­len bei Buurtz­org eine ent­schei­den­de Rol­le, um die schlan­ke Orga­ni­sa­ti­on und effi­zi­en­te Pfle­ge zu ermög­li­chen. Buurtz­org hat von Anfang an in eige­ne IT-Sys­te­me inves­tiert – etwa die Platt­form Buurtz­org­Web, eine Art unter­neh­mens­wei­tes Intra­net für die Teams. Pfle­ge­kräf­te doku­men­tie­ren ihre Ein­sät­ze mobil per Tablet direkt beim Pati­en­ten und die Daten ste­hen in Echt­zeit allen Team­mit­glie­dern zur Ver­fü­gung. Die Doku­men­ta­ti­ons­soft­ware basiert auf dem aner­kann­ten Oma­ha-Klas­si­fi­zie­rungs­sys­tem, was eine ein­heit­li­che Pfle­ge­pla­nung und Ergeb­nis­ver­fol­gung ermög­licht. Beson­ders bemer­kens­wert ist, dass Buurtz­org­Web nicht nur der inter­nen Doku­men­ta­ti­on dient, son­dern als kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form fun­giert: Pfle­gen­de kön­nen z.B. aktu­el­le Gesund­heits­wer­te oder Sym­pto­me des Pati­en­ten im Sys­tem ver­mer­ken, wel­che auto­ma­tisch an die behan­deln­de Haus­ärz­tin über­mit­telt wer­den – die­se kann umge­hend reagie­ren, etwa ein Medi­ka­ment ver­ord­nen, und die Infor­ma­ti­on wird wie­der­um digi­tal an die Apo­the­ke gesen­det. Sol­che digi­ta­len Work­flows ver­net­zen alle Betei­lig­ten (Pfle­ge, Ärz­te, Apo­the­ke) naht­los und beschleu­ni­gen die Ver­sor­gung. Dar­über hin­aus nutzt Buurtz­org vir­tu­el­le Platt­for­men für Dienst­pla­nung, Wis­sens­trans­fer und E‑Learning, damit die dezen­tra­len Teams sich aus­tau­schen und kon­ti­nu­ier­lich fort­bil­den kön­nen. Ins­ge­samt führt die Digi­ta­li­sie­rung bei Buurtz­org zu deut­lich weni­ger Ver­wal­tungs­auf­wand – vie­le Pro­zes­se lau­fen auto­ma­ti­siert oder elek­tro­nisch, was Papier­kram ein­spart. In einer Eva­lua­ti­on wur­den als Vor­tei­le einer digi­ta­len Pfle­ge­pro­zess-Erfas­sung genannt: kür­ze­re Bear­bei­tungs­zei­ten, weni­ger Büro­kra­tie, höhe­re Qua­li­tät und Trans­pa­renz für alle Mit­ar­bei­ten­den. So bleibt dem Pfle­ge­per­so­nal mehr Zeit für die direk­te Arbeit am Menschen.

In Deutsch­land steht die Pflege­di­gi­ta­li­sie­rung ver­gleichs­wei­se noch am Anfang. Zwar gibt es Pfle­ge­diens­te, die mit digi­ta­ler Tou­ren­pla­nung und elek­tro­ni­scher Pfle­ge­do­ku­men­ta­ti­on arbei­ten, doch ein gro­ßer Teil der Bran­che ist immer noch durch Insel­lö­sun­gen oder sogar Papier­do­ku­men­ta­ti­on geprägt. Die Sys­te­me der Leis­tungs­trä­ger (Pfle­ge­kas­sen) sind oft nicht kom­pa­ti­bel mit denen der Pfle­ge­diens­te, sodass dop­pel­te Doku­men­ta­ti­on erfolgt. Die Fol­ge ist ein „Wust an Büro­kra­tie bei ver­gleichs­wei­se gerin­ger Digi­ta­li­sie­rung“, wie es im Kon­text der deut­schen Pfle­ge heißt. Vie­le Pfle­ge­kräf­te ver­brin­gen einen erheb­li­chen Teil ihrer Arbeits­zeit mit For­mu­la­ren und Nach­wei­sen, was zusätz­lich belas­tet. Immer­hin sind in jüngs­ter Zeit Initia­ti­ven gestar­tet, um die digi­ta­le Infra­struk­tur zu ver­bes­sern: So sol­len Pfle­ge­ein­rich­tun­gen an die Tele­ma­tik­in­fra­struk­tur (TI) des Gesund­heits­we­sens ange­schlos­sen wer­den, um siche­ren Daten­aus­tausch zu ermög­li­chen. Auch ent­ste­hen mehr Soft­ware­lö­sun­gen spe­zi­ell für die Pfle­ge (von Pfle­ge­do­ku­men­ta­ti­on bis Dienst­plan-Apps). Doch der Weg zu einem so durch­gän­gig digi­ta­li­sier­ten Modell wie Buurtz­org ist noch weit. Ins­be­son­de­re fehlt es oft an einer ein­heit­li­chen Platt­form und am kul­tu­rel­len Wan­del in den Ein­rich­tun­gen. Buurtz­org zeigt hier, wie Tech­nik als Enabler die­nen kann: Durch IT-gestütz­te Pla­nung und Kom­mu­ni­ka­ti­on kön­nen min­des­tens 60 % der Arbeits­zeit in die direk­te Pfle­ge flie­ßen (statt in Admi­nis­tra­ti­on). Das deut­sche Pfle­ge­sys­tem kann von die­sen Erfah­run­gen pro­fi­tie­ren, indem es Büro­kra­tie abbaut und digi­ta­le Ver­net­zung fördert.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Schließ­lich spie­len die gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen eine gro­ße Rol­le dabei, ob ein Modell wie Buurtz­org gedei­hen kann. In den Nie­der­lan­den fand Buurtz­org einen reform­be­rei­ten Kon­text vor: Die ambu­lan­te Pfle­ge dort war Teil des staat­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tems (zunächst AWBZ, spä­ter in der Kran­ken­ver­si­che­rung ver­an­kert) und litt unter Inef­fi­zi­enz, was den Ruf nach neu­en Kon­zep­ten laut wer­den ließ. Buurtz­org konn­te als zuge­las­se­ner Pfle­ge­dienst auf­tre­ten und dank Mög­lich­kei­ten im nie­der­län­di­schen Recht Pfle­ge­sach­leis­tun­gen fle­xi­bel gestal­ten. So wur­de bei­spiels­wei­se zuge­las­sen, dass Pfle­ge­leis­tun­gen gebün­delt zum Zeit­ta­rif erbracht wer­den dür­fen, anstatt strikt nach Tätig­keit zu unter­schei­den. Außer­dem ist Buurtz­org in den Nie­der­lan­den als Stif­tung orga­ni­siert und nicht gewinn­ori­en­tiert, was poli­tisch und gesell­schaft­lich auf Wohl­wol­len stieß. Die gesetz­li­chen Vor­ga­ben erlau­ben dort also, dass Fach­pfle­ge­kräf­te weit­rei­chen­de Auf­ga­ben über­neh­men und selbst­ge­steu­ert arbei­ten – es gibt kei­ne Vor­schrift, dass jedes Team eine bestimm­te Lei­tungs­kraft haben muss, solan­ge die Qua­li­tät stimmt. Auch der Umfang der Pfle­ge­leis­tun­gen ist brei­ter defi­nier­bar: Buurtz­org inte­griert Betreu­ung und haus­wirt­schaft­li­che Hil­fen gleich­be­rech­tigt neben der Grund- und Behand­lungs­pfle­ge, wäh­rend deut­sches Recht die­se Berei­che stär­ker trennt. Die Inte­gra­ti­on infor­mel­ler Hel­fer (Ange­hö­ri­ge, Nach­barn) wird im Buurtz­org-Modell aus­drück­lich unter­stützt, wäh­rend in Deutsch­land Haf­tungs- und Abrech­nungs­fra­gen die Ein­bin­dung von Lai­en­hel­fern erschwe­ren kön­nen. Kurz gesagt: Die nie­der­län­di­sche Geset­zes­la­ge – ori­en­tiert an Out­co­mes und Pati­en­ten­be­darf – bie­tet Frei­räu­me, in denen ein inno­va­ti­ves Modell wie Buurtz­org wach­sen konnte.

Im deut­schen Pfle­ge­sys­tem hin­ge­gen gibt es eini­ge regu­la­to­ri­sche Hür­den für Buurtz­org. Ein zen­tra­les Pro­blem ist das star­re Kor­sett des SGB XI und der Rah­men­ver­trä­ge: Ambu­lan­te Pfle­ge­diens­te müs­sen hier­zu­lan­de eine ver­ant­wort­li­che Pfle­ge­dienst­lei­tung vor­hal­ten, die für die Pfle­ge­qua­li­tät und Orga­ni­sa­ti­on zustän­dig ist. Ein Buurtz­org-Team ohne klas­si­sche Chef­po­si­ti­on steht damit zunächst im Wider­spruch zu die­sen Vor­ga­ben. Zwar könn­te man for­mal eine PDL benen­nen, die im Hin­ter­grund bleibt, doch es zeigt die Her­aus­for­de­rung, ein selbst­or­ga­ni­sier­tes Team in die bestehen­den Struk­tu­ren ein­zu­pas­sen. Des Wei­te­ren sind die Leis­tungs­kom­ple­xe gesetz­lich fest­ge­schrie­ben, was es schwie­rig macht, neue ganz­heit­li­che Leis­tungs­de­fi­ni­tio­nen zu fin­den. Buurtz­org muss­te in NRW über eine Son­der­ver­ein­ba­rung gem. § 8 Abs.3 SGB XI (Modell­vor­ha­ben) lau­fen, um vom übli­chen Sche­ma abwei­chen zu dür­fen. Auch das Getrennt­sein von Pfle­ge- und Kran­ken­ver­si­che­rung (SGB XI vs. SGB V) führt zu recht­li­chen Gren­zen: So durf­te Buurtz­org Deutsch­land im Modell etwa die häus­li­che Behand­lungs­pfle­ge nur pau­schal und sepa­rat abrech­nen, weil hier die Kran­ken­kas­sen-Zustän­dig­keit greift. Ein wei­te­rer Stol­per­stein ist der föde­ra­le Fli­cken­tep­pich: Pfle­ge wird in Deutsch­land von Bun­des­land zu Bun­des­land durch Aus­füh­rungs­ge­set­ze und Ver­ein­ba­run­gen der Kas­sen unter­schied­lich gehand­habt. Ein­heit­li­che Modell­pro­jek­te sto­ßen daher auf admi­nis­tra­ti­ven Mehr­auf­wand, da für jedes Land eige­ne Ver­trä­ge und Aner­ken­nun­gen nötig wären. Schließ­lich betrifft eine Hür­de auch das Arbeits­recht und die Per­so­nal­ge­win­nung: Buurtz­org setzt auf vie­le Teil­zeit­kräf­te für fle­xi­ble Dienst­plä­ne, wäh­rend in Deutsch­land (auch aus Per­so­nal­man­gel) eher Voll­zeit­stel­len ange­strebt wer­den. Außer­dem war zu beob­ach­ten, dass nicht alle Pfle­ge­kräf­te mit dem hohen Maß an Eigen­ver­ant­wor­tung zurecht­ka­men, ins­be­son­de­re wenn sie aus hier­ar­chisch gepräg­ten Arbeits­um­fel­dern kamen. Dies ist weni­ger eine Gesetzes‑, aber eine Kul­tur­fra­ge, die jedoch Zeit und Schu­lung erfordert.

Posi­tiv ist, dass der Gesetz­ge­ber in Deutsch­land eini­ge Ände­run­gen plant, die Buurtz­org-ähn­li­che Ansät­ze begüns­ti­gen könn­ten. So wur­de Ende 2023 ein Pfle­ge­kom­pe­tenz­ge­setz auf den Weg gebracht, das Pfle­ge­fach­per­so­nen mehr eigen­stän­di­ge Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se in der Ver­sor­gung ein­räu­men soll (z.B. in Wund­ver­sor­gung oder Medi­ka­men­ten­ga­be). Wenn Pfle­ge­kräf­te hier­durch wirk­lich mehr Hand­lungs­spiel­raum erhal­ten, wür­de dies gut zu Buurtz­orgs Prin­zip pas­sen, dass Fach­kräf­te auto­no­mer agie­ren. Auch die digi­ta­le Ver­net­zung (Stich­wort Tele­ma­tik) wird aus­ge­baut, was die Büro­kra­tie redu­zie­ren und die Koope­ra­ti­on mit Ärz­ten erleich­tern kann – Ent­wick­lun­gen, von denen Buurtz­org pro­fi­tie­ren wür­de. Nicht zuletzt wächst das Inter­es­se an Com­mu­ni­ty Health Nur­sing und Quar­tiers­pro­jek­ten in Deutsch­land, was in eine ähn­li­che Rich­tung weist. Den­noch gilt: Damit ein Modell wie Buurtz­org im deut­schen Pfle­ge­markt Fuß fas­sen kann, sind wei­ter­ge­hen­de Anpas­sun­gen der gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen nötig – sei es bei den Finan­zie­rungs­re­ge­lun­gen, den Qua­li­täts­prü­fungs­richt­li­ni­en oder den Vor­ga­ben zur Per­so­nal­struk­tur. Der erfolg­rei­che Pilot­cha­rak­ter von Buurtz­org lie­fert hier wert­vol­le Anhalts­punk­te für Reformen.

Fazit

Buurtz­org zeigt ein­drucks­voll, wie eine alter­na­ti­ve Orga­ni­sa­ti­on der Pfle­ge posi­ti­ve Effek­te für alle Betei­lig­ten haben kann: Pfle­ge­be­dürf­ti­ge wer­den ganz­heit­lich ver­sorgt und zur Selbst­stän­dig­keit befä­higt, Pfle­ge­kräf­te arbei­ten zufrie­de­ner in selbst­be­stimm­ten Teams, und das Gesamt­sys­tem kann sogar wirt­schaft­li­cher wer­den. Die Unter­schie­de zum deut­schen Pfle­ge­markt sind jedoch erheb­lich – von der Team­struk­tur über die Ver­gü­tung bis zur Regu­lie­rung. Die­se Unter­schie­de erklä­ren, war­um eine direk­te Über­tra­gung nicht ein­fach ist und war­um Buurtz­org Deutsch­land zunächst auf Hin­der­nis­se stieß. Den­noch die­nen die Erfah­run­gen aus den Nie­der­lan­den als Inspi­ra­ti­on: Sie trei­ben auch hier­zu­lan­de die Dis­kus­si­on über neue Pfle­ge­kon­zep­te vor­an. Mit aktu­el­len Ent­wick­lun­gen – etwa digi­ta­ler Auf­rüs­tung und ange­dach­ten Geset­zes­än­de­run­gen – könn­ten eini­ge Bar­rie­ren fal­len. Ein inter­es­sier­tes Fach­pu­bli­kum tut gut dar­an, Buurtz­org genau zu beob­ach­ten: Es ist ein leben­des Labor für zukunfts­fä­hi­ge Pfle­ge, das wich­ti­ge Impul­se für die Wei­ter­ent­wick­lung des deut­schen Pfle­ge­sys­tems gibt.

Buurtzorg Niederlande und Modellbeschreibung


Buurtzorg in Deutschland / Modellprojekt NRW


Vergleich zum deutschen Pflegemarkt


Rahmenbedingungen & Vergütungssysteme


Digitalisierung in der Pflege

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