Umfrage zur Begutachtung durch MDK oder Medicproof

Wie zufrieden sind Pflegebedürftige mit der Pflegegrad-Begutachtung und was hat sich seit Corona verändert?

Wie zufrieden sind Pflegebedürftige mit der Pflegegrad-Begutachtung und was hat sich seit Corona verändert?

(K)ein angenehmer Termin?
Wie Pflegebedürftige die Begegnung mit MDK und Medicproof wahrnehmen

Der MDK führt jedes Jahr rund zwei Millionen Begutachtungen zur Feststellung einer Pflegebedürftigkeit durch. Dazu kommen mehr als 100.000 Begutachtungstermine durch Medicproof, die Gutachterorganisation der privaten Versicherer.

Der Begutachtungstermin ist für viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen mit vielen Unwägbarkeiten und Ängsten verbunden, da hier über den Pflegegrad und damit über zukünftige finanzielle Leistungen entschieden wird. Überraschenderweise kommt eine MDK-Umfrage zu dem Ergebnis, dass 88 Prozent aller Versicherten mit der Begutachtung insgesamt zufrieden sind.¹ Dieses Ergebnis können wir bei Familiara nicht mit unserer eigenen Beratungserfahrung in Einklang bringen.

Aus diesem Grund haben wir zwei Umfragen unter Pflegebedürftigen gestartet. Die erste Umfrage fand 2019 statt, also vor Corona. Die zweite Umfrage haben wir 2020 gestartet, um zu sehen, wie sich die Zufriedenheit möglicherweise durch die Umstellung von der häuslichen Begutachtung auf Telefoninterviews verändert hat.

Die 332 bzw. 308 Teilnehmer*innen waren Pflegebedürftige und private Pflegepersonen, die einen Begutachtungstermin absolviert haben. Die Mehrheit von ihnen hat in der Vergangenheit unseren Pflegegradrechner genutzt oder unser kostenfreies Pflegetagebuch heruntergeladen. Lediglich ein knappes Viertel der Teilnehmer*innen waren Familiara-Kunden.

Beide Befragungen fanden online und anonym statt. Die Ergebnisse der ersten Umfrage werden jeweils zuerst genannt.

¹ Quelle: https://www.mdk.de/fileadmin/MDK-zentralerOrdner/Downloads/18_Meldungen/19-04-11_PK_Leistungsbilanz/5_Versichertenbefragung.pdf (Seite aufgerufen am 05.05.2019)

Das Wichtigste vorweg

Unsere Umfragen legen nahe, dass die Zufriedenheit der Begutachteten deutlich geringer ist, als vom MDK behauptet.

Das liegt vor allem daran, dass die Pflegegrad Begutachtung im Schnelldurchlauf stattfindet. In der Theorie sollte sie mindestens 60 Minuten dauern, um die Pflegesituation wirklichkeitsgetreu erfassen zu können. Stattdessen ist sie für viele bereits nach 45 Minuten vorbei: Vor Corona war dies bei einem Viertel, während Corona sogar bei knapp der Hälfte aller Betroffenen der Fall.

In dieser zu kurzen Zeitspanne können natürlich auch nicht alle 64 vorgegebenen Einzelfragen gestellt und beantwortet werden. Während sich bei den häuslichen Begutachtungen knapp die Hälfte der Pflegebedürftigen hinsichtlich ihrer Probleme nicht ausreichend gewürdigt fühlte, ist es bei den Telefoninterviews sogar schon deutlich mehr als die Hälfte.

Kein Wunder, dass die Befragten sowohl nach einer häuslichen als auch nach einer telefonischen Begutachtung häufig einen um ein oder zwei Grade geringeren Pflegegrad erteilt bekamen, als sie erwartet hatten.

39 bzw. 42 Prozent waren von diesem Ergebnis verständlicherweise enttäuscht und etwa jede*r Dritte legt Widerspruch gegen den Bescheid ein.

Werfen Sie mit uns einen Blick auf die wichtigsten Erkenntisse unserer Umfragen und erfahren Sie, wie Sie sich davor schützen, falsch eingestuft zu werden.

Die Erkenntnisse im Überblick:

  1. Der Termin wird häufig zu kurzfristig vereinbart.
  2. Die Begutachtung findet oft im Schnelldurchlauf statt.
  3. Der Eindruck von den Gutachter*innen ist sehr unterschiedlich.
  4. Es kann zu längeren Wartezeiten auf den Bescheid kommen.
  5. In vielen Fällen ist der Pflegegrad geringer als erwartet.

Ergebnis 1: Der Termin wird häufig zu kurzfristig vereinbart

Die Begutachtungsrichtlinien sehen eine Vorlaufzeit von mindestens einer Woche vor. Damit soll den Pflegebedürftigen, ihren Angehörigen und Pflegefachpersonen genügend Zeit gegeben werden, den Termin einzuplanen und sich gut darauf vorzubereiten.

In unseren beiden Umfragen zeigt sich allerdings ein anderes Bild: Etwa ein Viertel der Pflegebedürftigen wurde mit weniger als einer Woche Vorlauf über den bevorstehenden Begutachtungstermin informiert. In seltenen Fällen waren es sogar weniger als drei Tage.

Unser Tipp:

Es ist Ihr gutes Recht, die Mindestvorlaufzeit einzufordern. Nehmen Sie den von MDK oder Medicproof vorgeschlagenen Termin nur an, wenn er für alle erforderlichen Personen passt und Ihnen noch genug Zeit bleibt, alle Unterlagen zusammenzutragen.

Ergebnis 2: Die Begutachtung findet im Schnelldurchlauf statt

Eine vollständige Erfassung der meist komplexen Pflegesituationen ist unter 45 Minuten nicht möglich. Schließlich müssen 64 Einzelfragen aus verschiedenen Lebensbereichen beantwortet und in Hinblick auf die verbleibende Selbstständigkeit bewertet werden.

Leider wird diese kritische Zeitmarke in der Realität oft nicht erreicht. Obwohl die Begutachtungen zurzeit nicht mehr vor Ort, sondern am Telefon stattfinden, scheinen die Gutachter*innen noch immer unter großem Zeitdruck zu stehen. Die Begutachtungsdauer ist seit der Umstellung noch mal gesunken. Vor Corona war es „nur“ etwa ein Drittel aller Pflegebedürftigen, die in weniger als 45 Minuten befragt wurden. Seit Beginn der Pandemie ist die Begutachtung für knapp die Hälfte aller Teilnehmer*innen nach spätestens 45 Minuten vorbei.

Das bedeutet auch, dass viele der vorgegebenen 64 Fragen zur Bewertung der Selbstständigkeit gar nicht gestellt wurden. Rund 42 Prozent aller Betroffenen fühlten sich während der häuslichen Begutachtung hinsichtlich ihrer Probleme nicht ausreichend gewürdigt. Bei den Pflegebedürftigen, die nur am Telefon mit den Gutachter*innen sprechen konnten sind es sogar rund 59 Prozent.

Unser Tipp:

Informieren Sie sich vorab über die Begutachtungskritierien und bestehen Sie während des Interviews darauf, dass wirklich alle Fragen auch gestellt werden.

Ergebnis 3: Die Gutachter*innen wirken am Telefon freundlicher

Auch, wenn die Begutachtung in erster Linie eine „Prüfung“ ist, sollte sich das für Pflegebedürftige nicht so anfühlen. Ein gewisses Maß an Höflichkeit und Freundlichkeit darf erwartet werden und erleichtert die Befragung enorm.

Die erfreuliche Nachricht: In allen vier Kategorien (Höflichkeit, Vorbereitung, Professionalität und Freundlichkeit) gab es – auf einer Skala von 0 bis 10 Punkten – vor und während der Pandemie – mehr positive als negative Beurteilungen.

Ebenfalls positiv ist, dass es seit Beginn der Umstellung auf Telefoninterviews für Pflegebedürftige seltener Grund zur Beschwerde zu geben scheint: Vor Corona beklagte sich noch jede*r Vierte über mangelnde Freundlichkeit seitens der Gutachter*innen. Aktuell ist es nur noch jede*r Siebte.

Unser Tipp:

Lassen Sie sich in keinem Fall verunsichern. Auch, wenn Sie bei Ihrer Begutachtung an eine*n gestresste*n Gutachter*in geraten, sollten Sie dennoch gelassen bleiben und nicht vor Rückfragen zurückscheuen.

Ergebnis 4: Die Wartezeiten auf den Bescheid sind teilweise zu lang

Die coronabedingten Einschränkungen haben sich zum Glück bisher nicht negativ auf die Wartezeit ausgewirkt. Vor der Pandemie erhielt jede*r Dritte den Bescheid innerhalb einer Woche nach der Begutachtung. Jetzt bekommt sogar jede*r Zweite den Bescheid innerhalb von sieben Tagen.

Kritisch ist allerdings, dass vor Corona rund 27 Prozent länger als zwei Wochen auf den Bescheid warten mussten und aktuell immer noch rund 21 Prozent länger als 14 Tage warten. Angesichts der Dringlichkeit des Bescheids ist das nicht akzeptabel.

Unser Tipp:

Erkundigen Sie sich nach spätestens zwei Wochen bei der Kasse nach dem Bearbeitungsstand.

Ergebnis 5: Der Pflegegrad ist oft geringer als erwartet

Sehr viele betroffene Familien haben, spätestens bei einem Höherstufungsantrag oder einem Widerspruch, eine genaue Vorstellung davon, welcher Pflegegrad gerechtfertigt ist.

Da die Begutachtungsdauer in vielen Fällen zu kurz ist und nicht alle relevanten Fragen gestellt werden, ist es nicht überraschend, dass sowohl vor als auch während der Pandemie knapp die Hälfte aller Antragsteller*innen ein Ergebnis hinnehmen muss, dass ein oder sogar zwei Grade unter dem erwarteten Pflegegrad liegt.

39 bzw. 42 Prozent waren angesichts des Bescheids enttäuscht: 16 bzw. 18 Prozent davon waren „nur“ verärgert, 23 bzw. 24 Prozent reagierten mit „Fassungslosigkeit“.

Wurde der Bescheid von den Betroffenen akzeptiert? Vor Corona akzeptierten rund 60 Prozent den Bescheid ohne Widerspruch, aktuell nur noch 50 Prozent. Dabei holten sich nur die wenigsten fachliche Unterstützung. Liess vor der Pandemie noch jede*r Siebte den Bescheid prüfen, ist es nun nur noch jede* Achtzehnte.

Unser Tipp:

Holen Sie sich professionelle Hilfe während Ihres Widerspruchsverfahrens. Dies ist auch unter Beachtung der aktuellen Schutzmaßnahmen zum Beispiel über Telefon oder Videokonferenzen möglich.

Sie möchten noch detailliertere Einblicke in unsere Umfrage?

Eine genaue Auswertung sowie Grafiken der Ergebnisse können Sie hier herunterladen.

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